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Johan Castberg
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Johan Castberg (* 21. September 1862cite-ref-h5-1-0[1] in Brevik; â 24. Dezember 1926cite-ref-h6-2-0[2] in Oslo) war ein norwegischer Richter und Sozialpolitiker. Er war der erste norwegische Sozialminister Ăźberhaupt (1913â1914) und hat durch die EinfĂźhrung der Castbergske barnelover (Castberg-Kindergesetze) den unehelichen Kindern den Anspruch auf das Erbe und den Namen ihres Vaters verschafft. Castberg war schon seit seinen jungen Jahren in der liberalen Bewegung (venstrebevegelsen) aktiv, als Lokalpolitiker, Parlamentsabgeordneter und Minister, aber vor allem als aktiver Teilnehmer an Ăśffentlichen Debatten. Zu radikal fĂźr die Venstre, grĂźndete er 1906 seine eigene Partei Arbeiderdemokratene, die klein blieb, was aber Castbergs politischen Erfolg keineswegs beeinträchtigte: âObwohl Castberg formell nie die hĂśchsten politischen Ămter bekleidete, hatten nur wenige Menschen so viel Einfluss auf die norwegische Politik in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wie er. Er hatte groĂen Einfluss auf eine Reihe von Gesetzen und Gesetzesvorlagen, darunter das Konzessionsgesetz, das Krankenversicherungsgesetz, das Scheidungsgesetz, das Arbeitsschutzgesetz und das Gesetz Ăźber Arbeitskonflikte.âcite-ref-n-3-0[3] Seine TagebĂźcher aus den Jahren 1900â1917 sind eine wichtige Quelle fĂźr die politische Geschichte Norwegens in dieser Zeit.
Contents
⢠Familie
⢠Karriere
⢠Journalismus
⢠Lokale Politik
⢠VÜlkerbund
⢠Fazit
⢠Nachlass
⢠Literatur
⢠Weblinks
⢠Einzelnachweise
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Familie
Die alte norwegische Familie Castberg hat seit dem 17. Jahrhundert immer wieder prominente Mitglieder hervorgebracht. Johans GroĂvater Peter Hersleb Harboe Castberg war Pastor und fĂźnfzehn Jahre lang Parlamentsabgeordneter. Johans Vater Johan Christian Tandberg Castberg war Zollbeamter in Brevik und ab 1871 in Skien ansässig. Dort wurde er BĂźrgermeister, grĂźndete die (2024 noch existierende) Lokalzeitung Varden (wĂśrtlich: Steinmännchen) und saĂ fĂźr die Liberale Partei Venstre zwĂślf Jahre lang im Parlament.
Johan Christian Tandberg Castberg grĂźndete mit Hanna Magdalena Frisak Ebbesen (1839â1881) eine auch fĂźr damalige Verhältnisse kinderreiche Familie. Hintereinander wurden geboren: Peter Harboe (* 1859), Anna Margrete (* 1860), Jørgen Ebbesen (* 1861), Johan (* 1862), Einar (* 1864), Gunnvar (* 1866), Erling (* 1867), Bjarne (* 1871), Hanna (* 1872), Torgrim (* 1874), Leif (* 1876) und Ragnhild (* 1878). Ein weiteres Kind, Sigrun (* 1888), stammt aus einer zweiten Ehe Johan Christians.cite-ref-x1-4-0[4] Mehrere Geschwister von Johan Castberg waren prominent: Hanna Castberg war eine engagierte Frauenrechtlerin und Schriftstellerin. Torgrim Castberg war Geiger und Konzertmeister und grĂźndete 1905 zusammen mit Edvard Grieg die Musikakademie Bergen. Leif Castberg war ein bekannter Rechtsanwalt.
Als junger Jurist in Gjøvik heiratete Johan Castberg am 30. September 1892 in Hamar die etwas jĂźngere Karen Kathrine Anker (* 14. Januar 1867 in Sagatun;cite-ref-h4-5-0[5] â 27. November 1932 in Oslo). Sie war die Tochter von Herman Anker (1839â1896), der 1864 die erste norwegische Volkshochschule gegrĂźndet hatte und von Marie Elisabeth (âMixâ) Bojsen (1843â1892).cite-ref-h3-6-0[6] Mit dieser Hochzeit wurde Johan Castberg zum Schwager und guten Freund der Frauenrechtlerin Katti Anker Møller und der Journalistin Ella Ankercite-ref-x4-7-0[7]. Neun Monate später wurde Sohn Frede geboren, das einzige Kind aus dieser Ehe.cite-ref-x2-8-0[8] Frede Castberg wurde der einflussreichste Verfassungsjurist Norwegens des 20. Jahrhunderts mit internationaler Reputation.
Anfang November 1926 wurde Johan Castberg durch ein plĂśtzliches Herz- und Nierenleiden aus seinem intensiven juristischen und politischen Berufsleben gerissen. Nach drei Wochen im Krankenhaus UllevĂĽl lag er â meist bewusstlos â zu Hause und verstarb am Morgen von Heiligabend.cite-ref-c-9-0[9] Er wurde am 28. Dezember 1926 auf dem Vestre Gravlund beigesetzt.cite-ref-h6-2-1[2]cite-ref-g-10-0[10]
Der private Johan Castberg wird durch seinen Biografen und Verwandten A.St. Castberg so charakterisiert: âNeben seiner vielseitigen und sehr anspruchsvollen Tätigkeit im Ăśffentlichen Leben pflegte Johan Castberg viele Interessen, die in seinem Privatleben zur Geltung kamen, darunter die tiefe Musikalität und ein gutes Cellospiel. Man kann mit Sicherheit sagen, dass Castberg âder ideale Ehemannâ war, der die grĂśĂte Freude daran hatte, Zeit mit seiner Frau, dem Schlaf und guten Freunden zu verbringen.âcite-ref-c-9-1[9]
HinzuzufĂźgen wäre noch, dass er âein leidenschaftlicher Verfechter der MäĂigungâcite-ref-n-3-1[3] war, also der Abstinenzbewegung, und eine dieses Ziel verfolgende avholdsgruppe im Storting leitete.cite-ref-c-9-2[9]
Karriere
Johan Castberg besuchte die Lateinschule in Skien und legte 1880 sein Examen artium (Abitur) ab. Danach begann er an der Universität Kristiania ein Studium der Philologie, wechselte aber nach einigen Jahren zu den Rechtswissenschaften. 1884 schloss er das Studium mit dem cand. jur. ab. Von 1885 bis 1887 war er im Finanzministerium als Kopist angestellt.cite-ref-n-3-2[3] Als er an Demonstrationen gegen die Beschlagnahme des naturalistischen Romans Albertine von Christian Krohg maĂgeblich beteiligt war und deshalb von seinem Abteilungsleiter abgemahnt wurde, kĂźndigte er.cite-ref-c-9-3[9] âEine Karriere im Ministerium passte [âŚ] nicht zu dem energischen, politisch interessierten und ehrgeizigen Mann. Er entschied sich fĂźr den Weg des praktischen Anwalts.âcite-ref-s-11-0[11]
Juristische Laufbahn
Johan Castberg stieg in seiner fast vierzigjährigen juristischen Karriere vom jungen Rechtsanwalt bis zum Richter am Obersten Gerichtshof auf. Er begann 1887 in Hamar als sakførerfullmektig (Assistenzanwalt). Von 1888 bis 1901 lebte und arbeitete er in Gjøvik als overrettssakfører (Senior-Rechtsanwalt mit dem Klagerecht vor allen Gerichten) und war ab 1890 zusätzlich als Pflichtverteidiger am Berufungsgericht beschäftigt. 1901cite-ref-t-12-0[12]cite-ref-w-13-0[13] wechselte er in den Staatsdienst und war bis 1906 statsadvokat (Staatsanwalt) im Gerichtsbezirk Hedemarkens og Kristians. Von 1906 bis 1924 (unterbrochen durch seine Ministerämter 1908â1910 bzw. 1913â1914) amtierte er als sorenskriver (Stadtrichter) von Toten, Vardal und Biri.cite-ref-n-3-3[3]cite-ref-c-9-4[9] (Die Landschaft Toten in Innlandet an der Westseite des Mjøsa-Sees umfasst auch die Gemeinde Gjøvik, in der Vardal und Biri als Siedlungen liegen.) Laut Volkszählung 1910 lebte er im Gemeindehaus von Toten in seiner Dienstwohnung am Undesløs gaard, zusammen mit seiner Frau, dem Assistenten Jørg. Ă. Bugge, und etlichem Hauspersonal.cite-ref-h4-5-1[5] Ab 1924 und zum Zeitpunkt seines Todescite-ref-h6-2-2[2] war Johan Castberg høyesterettsassessor, d. h. Richter am Obersten Gerichtshof, dem Høgsterett.cite-ref-n-3-4[3]cite-ref-c-9-5[9]
Journalismus
Während seiner Studienzeit und noch als Ministerialbeamter war Johan Castberg auch journalistisch tätig. In den Jahren 1883 und 1884 berichtete er als Zeitungsreporter vom erfolgreichen Amtsenthebungsverfahren (riksrett) gegen die Regierung Christian Selmer, in dessen Folge in Norwegen die parlamentarische Kontrolle der Regierung eingefĂźhrt wurde. Von 1882 bis 1887 war Castberg Korrespondent der Zeitung Oplandenes Avis, fĂźr die er 1882 und 1885 auch als Redakteur tätig war.cite-ref-c-9-6[9] AuĂerdem verfasste er Beiträge fĂźr Ringeren, Fortschritte der Kultur und andere Zeitschriften.cite-ref-w-13-1[13]
Lokale Politik
âGleich nach seiner Ankunft in den Städten des Mjøsa-Sees [Hamar, 1887] machte sich Castberg mit seinem leidenschaftlichen politischen Engagement einen Namen. Er lernte die Familie Anker in Sagatun kennen, wo er fĂźr seine stundenlangen Selbstgespräche Ăźber gesellschaftspolitische und philosophische Themen berĂźchtigt wurde.âcite-ref-n-3-5[3] Während seine spätere Frau Karen nur selten Ăśffentlich auftrat, nahmen seine Schwägerinnen Katti Anker Møller und Ella Anker mit ihm und fĂźr gemeinsame Anliegen aktiv an Ăśffentlichen Debatten teil.
Johan Castberg wurde Mitglied des Arbeitervereins (De forenede norske arbeidersamfund), eine Bewegung im Umkreis und mit Einfluss auf die Venstre-Partei, die sich fĂźr freie Wahlen und niedrige ZĂślle einsetzte. Castberg nahm erstmals 1888 als Vertreter des Arbeidersamfund Gjøvik an der zentralen Vereinsversammlung teil. Im selben Jahr schloss er die Vereine von Hedmark und Oppland zu einem gemeinsamen Verband zusammen. Nach einer erneuten Aufteilung 1894 war er bis 1925 Vorsitzender beider Vereine (Kristiansamt bzw. Oppland).cite-ref-n-3-6[3] Seit 1903 war er auĂerdem Vorsitzender des zentralen Vorstandes des Arbeitervereins.cite-ref-k-14-0[14]
Johan Castberg war in der Gemeinde Gjøvik Mitglied des Gemeindepräsidiums (formannskap) (1896â1897), Vorsitzender der SchulbehĂśrde (1895â1900), Vorsitzender der Elektrizitätsgesellschaft (1896â1900) und natĂźrlich auch Vorsitzender des Ăśrtlichen Vereins der radikalen Linken (venstreforening).cite-ref-c-9-7[9]cite-ref-w-13-2[13]
Arbeitsrecht und die âLandfrageâ
1891â1892 reiste Castberg mit einem Ăśffentlichen Stipendium nach Deutschland, Ăsterreich, England und in die Schweiz, um die arbeits- und sozialrechtlichen Bestimmungen zu studieren. (Bei der Beantragung des Stipendiums war ihm Wollert Konow (1847â1932), der Onkel seiner Ehefrau Karen und ein damaliger politischer UnterstĂźtzer der Arbeiterbewegung, behilflich gewesen.cite-ref-n-3-7[3]) Seine Beobachtungen hielt er in einer Reihe von Berichten fest, die als Parlamentsdokumente gedruckt wurden.cite-ref-k-14-1[14]
Schon frĂźh setzte sich Castberg fĂźr die Landarbeiter ein, aus denen er eine selbständige, finanziell abgesicherte Kleinbauernklasse schaffen wollte. âFĂźr Castberg hatte die Landfrage sowohl eine soziale als auch eine nationale Dimension. Ziel war es, den Landarbeitern und Kleinbauern den Erwerb von eigenem Land und Wohneigentum zu erleichtern.âcite-ref-n-3-8[3] Sein Ăśffentlicher Einsatz blieb nicht unbemerkt; 1899 wurde er Vorsitzender des ministeriellen Landrechtsausschusses (departementale jordlovskomite) und reiste noch im selben Jahr nach Dänemark zum Studium der dortigen Verhältnisse. Nach einigen Jahren Arbeit schlug der Ausschuss eine staatliche Bank zur Finanzierung der BauernhĂśfe vor, die durch Gesetz vom 9. Juni 1903 als Den Norske Arbeiderbruk- og Boligbank gegrĂźndet wurde. 1915 wurde Den Norske Stats SmĂĽbruk- og Boligbank als zusätzliche Bank etabliert.cite-ref-s-11-1[11]cite-ref-c-9-8[9]cite-ref-n-3-9[3]
Castbergs Interesse fĂźr die âLandfrageâ entsprang nicht nur seinem sozialen Gewissen, sondern auch seiner nationalen Gesinnung: âDer Grundgedanke war, dass ein Kleinbauer, der sein eigenes Land besaĂ und ein eigenes Haus hatte, auch bereit war, das Land im Falle eines Krieges zu verteidigen. DarĂźber hinaus bildeten die Kleinbauern ein stabiles soziales Element in einer Zeit, die von zunehmender Distanz und Konfrontation zwischen den sozialen Schichten geprägt war. [⌠Castberg] war ein BefĂźrworter einer starken Verteidigung, vertrat aber gleichzeitig die Ansicht, dass die Verteidigungsausgaben auf den wohlhabenderen Teil der BevĂślkerung abgewälzt werden mĂźssten und dass die Verteidigungsorganisation demokratisiert werden mĂźsse, damit sich die einfachen Menschen mit ihr identifizieren kĂśnnten.âcite-ref-n-3-10[3]
Abgeordneter zum Storting
Johan Castberg beteiligte sich bereits in den 1890er Jahren an den Wahlkämpfen zu den Parlamentswahlen, aber erst im Jahre 1900 gelang ihm der Einzug ins Storting als Abgeordneter fĂźr den Wahlkreis Kristians amt, fĂźr den er 1903 wiedergewählt wurde. 1906 trat er erstmals fĂźr seine eigene Partei an, die Arbeiderdemokratene (Arbeiterdemokraten), ab 1921 Radikale folkeparti (Radikale Volkspartei) genannt, und wurde fĂźr den Wahlkreis Nordre Gudbrandsdalen gewählt. 1909 verzichtete er auf eine erneute Kandidatur, da er gerade Justizminister geworden war. Von 1912 bis 1921 war fĂźr drei Wahlperioden Vertreter von Søndre Gudbrandsdalen und zugleich ab Januar 1913 Präsident des Odelsting, mit einer kurzen Unterbrechung während seiner Zeit als Handels- und später Sozialminister (1913â1914). Das letzte Mal wurde er 1924 gewählt, fĂźr den Wahlkreis Oppland, starb jedoch vor dem Ende der Legislaturperiode.cite-ref-n-3-11[3]cite-ref-t-12-1[12] (Die Jahreszahlen beziehen sich auf das Jahr der Wahl, die dreijährige Legislaturperiode begann jeweils ein Jahr später. Alle genannten Wahlkreise sind heute Bestandteil des Fylke Innlandet.)
Im Storting unterstĂźtzte Castberg den radikalsten FlĂźgel der Liberalen, erklärte aber, auch mit den Sozialisten zusammenarbeiten zu kĂśnnen, obwohl er deren Ansichten Ăźber die Ziele der sozialen Entwicklung und ihre antimilitaristische Einstellung nicht teile. âBesessen von einer seltenen Arbeitsfähigkeit, von impulsiver HeiĂblĂźtigkeit und unerschrockener Geduld, stĂźrzte er sich bald in die parlamentarischen Kämpfe, wo der Streit am heftigsten war. Er wurde zu einem der häufigsten Redner im Parlament, und er hat sich nie gescheut, seinen Standpunkt zu vertreten, auch wenn er Gefahr lief, durch eine leicht flieĂende Beredsamkeit der Breite der Unterlagen ĂźberdrĂźssig zu werden. Er wollte gehĂśrt werden, und es ist ihm gelungen, gehĂśrt zu werden.âcite-ref-s-11-2[11]
Castberg war während seiner ganzen ersten Mitgliedschaft (1900â1908) Mitglied des Sozialausschusses und meistens auch dessen Vorsitzender (1900â1903 bzw. 1906â1908) oder zumindest dessen Sekretär.cite-ref-t-12-2[12] Während seiner zweiten Mitgliedschaft war er Mitglied des Justizausschusses (Vorsitzender 1914â1915 und 1916â1918). In diesen Jahren wurden die rechtlichen Grundlagen fĂźr den modernen Wohlfahrtsstaat Norwegen gelegt, durch groĂe Reformen im Sozial-, Arbeits- und Familienrecht. âCastberg stand von Anfang an im Mittelpunkt dieser Arbeit, und eine Reihe der wichtigen Gesetze aus dieser Zeit wurde vor allem durch sein starkes Engagement vorangetrieben und mit Inhalt gefĂźllt.âcite-ref-n-3-12[3]
Die AuflĂśsung der Union
Im Februar 1905 scheiterten die Verhandlungen des Stortings mit Schweden Ăźber die EinfĂźhrung eigenständiger norwegischer Konsulate und damit erhielten jene Stimmen Zulauf, die eine AuflĂśsung der Union forderten. Christian Michelsen, der MitbegrĂźnder der Samlingspartiet und seit dem 11. März Statsminister (Ministerpräsident), lud auch Johan Castberg zum Eintritt in die Regierung ein, trotz dessen radikaler Haltung in sozialpolitischen Fragen. Ziel war es, einen Schulterschluss herzustellen und in den zu erwartenden schwierigen Verhandlungen einheitlich aufzutreten. Castberg lehnte jedoch ab, da er auf Georg Stang als Verteidigungsminister beharrte, Michelsen sich aber bereits auf Wilhelm Olssøn festgelegt hatte. âIn den dramatischen Ereignissen des Sommers und Herbstes 1905 stand Castberg daher gewissermaĂen im Abseits, da er sich gegen einige Entscheidungen der Regierung und der Parlamentsmehrheit stellte.âcite-ref-n-3-13[3]
In den parlamentarischen Verhandlungen war er als Mitglied des damit befassten Sonderausschusses (specialkomite)cite-ref-t-12-3[12] stark engagiert und âvertrat während des Einigungskrieges eine andere Position als die siegreiche. So war er ein erbitterter Gegner des Karlstader Abkommens und setzte sich fĂźr die EinfĂźhrung der Republik ein.âcite-ref-f-15-0[15] In der Stortingdebatte Ăźber die kĂźnftige Regierungsform Norwegens hielt er am 31. Oktober eine âflammende Redeâ fĂźr die Republik und rief dazu auf, am 13. November bei der Volksabstimmung Ăźber die Wahl eines KĂśnigs mit âNeinâ zu stimmen, âbeugte sich jedoch dem Ergebnis der Abstimmung.âcite-ref-n-3-14[3] Allerdings legte er im Folgejahr mit der BroschĂźre Om begivenheterne i 1905 (Ăber die Ereignisse von 1905), die bei ihrem Erscheinen âgroĂe Aufregung und heftige EmpĂśrung hervorriefâ, seine Kritik an den getroffenen Entscheidungen und seine eigenen Gegenvorschläge erneut der Ăffentlichkeit vor.cite-ref-s-11-3[11]
Mitglied von Venstre-Regierungen
Johan Castberg spielte bei den Wahlen von 1906 in der Opposition gegen die Regierung Michelsen eine fĂźhrende Rolle und âwurde zu einem der aggressivsten und unversĂśhnlichsten Gegner der Samlingspartiet im neuen Parlament.âcite-ref-s-11-4[11] Auf seine Initiative hin kam es im Januar 1908 zum Ausschluss jener gemäĂigten Abgeordneten aus der Venstre-Fraktion, die bisher Michelsen und später dessen Nachfolger Jørgen Løvland unterstĂźtzt hatten.cite-ref-f-15-1[15] Die verbleibende Konsoliderte venstre, angefĂźhrt von Gunnar Knudsen, konnte nach einer Abstimmungsniederlage der Regierung, Regierungskrise und RĂźcktritt von Løvland, am 18. März 1908 eine neue, radikalere Regierung bilden.cite-ref-s-11-5[11]
Dieser kurzlebigen Minderheitsregierung, die am 1. Februar 1910 zurĂźcktreten musste, gehĂśrte Johan Castberg als Justizminister an. In den folgenden drei Jahren regierte die konservative Partei Høyre in Koalition mit der Frisinnede Venstre (die von Knudsen ausgeschlossenen GemäĂigten).
Am 31. Januar 1913 kehrte Gunnar Knudsen als Ministerpräsident zurĂźck und konnte fĂźr sieben Jahre, allerdings mit wechselnden Mehrheitsverhältnissen, eine Venstre-Regierung leiten. Johan Castberg Ăźbernahm erneut ein Ministeramt, zunächst das Handelsministerium und ab 3. Juni 1913 das Sozialministerium. (Der Wechsel war bedingt durch die AuflĂśsung des Handelsministeriums und die Aufteilung dessen Zuständigkeiten zwischen dem neu eingerichteten Sozialministerium und dem AuĂenministerium.cite-ref-x3-16-0[16]) Wieder amtierte Castberg nur kurz; aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit Knudsen, vor allem in Zollfragen, trat er am 21. April 1914 zurĂźck.cite-ref-n-3-15[3]cite-ref-f-15-2[15]
Castbergske barnelover
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Hauptartikel
:
Castbergske barnelover
Als erster Sozialminister Norwegens bereitete Johan Castberg die später nach ihm benannten Kindergesetze vor, die am 10. April 1915 nach heftigen Debatten im Parlament beschlossen wurden und am 1. Januar 1916 in Kraft traten.cite-ref-s-11-6[11] Die Gesetze gaben unehelichen Kindern das Recht auf den Namen und das Erbe ihres Vaters und verpflichteten die Gemeinden zur Bevorschussung der Alimente, falls sie vom Vater nicht rechtzeitig entrichtet wurde. Sie wurden von Castberg in enger Zusammenarbeit mit seiner Schwägerin Katti Anker Møller publizistisch vorbereitet.
Castberg hatte sich schon zwanzig Jahre lang fĂźr die Familien eingesetzt, fĂźr das Wahlrecht der Frauen, fĂźr Mutterschaftsgeld und kostenlose Hebammen. Bereits 1901 reiste er nach Dänemark und Dresden, um dort die Einrichtungen zur Betreuung von Pflegekindern zu untersuchen.cite-ref-c-9-9[9] In seiner Zeit als Justizminister 1909 fĂźhrte Norwegen ein liberales Scheidungsrecht ein. âEr war der Meinung, dass der Zivilisationsgrad eines Landes an den Rechten von Kindern und Frauen gemessen werden kann.âcite-ref-n-3-16[3] Mit Stolz präsentierte er 1910 in London die Errungenschaften seines Landes (die auch die seinen waren) durch Vorträge in der Royal Albert Hall Ăźber das Frauenwahlrecht und im University College Ăźber die rechtliche Stellung norwegischer Frauen.cite-ref-c-9-10[9]
Lizenzvergabe und Arbeitsschutz
Als Justizminister legte Johan Castberg einen Vorschlag vor, der 1909 als Konsesjonslovene (Konzessionsgesetze) vom Parlament beschlossen wurde und den Erwerb von Wasserläufen in Norwegen stark einschränkte. âDamit sollte verhindert werden, dass groĂe ausländische Unternehmen die norwegischen Bodenschätze aufkaufen und kontrollieren.âcite-ref-o-17-0[17] Die Regelungen wurden 1917 auf Industrieanlagen erweitert (industrikonsesjonsloven) und sind in abgeänderter Form noch immer relevant.
Castberg forderte aber auch von den Unternehmern soziale Verantwortung auf institutioneller Basis. In der BegrĂźndung fĂźr ein neues Arbeitsschutzgesetz sagte er 1915: âDas Unternehmen, das seinen Arbeitern keine menschlichen Bedingungen bieten kann, hat kein Recht zu existieren, denn es sind die Menschen, die am wichtigsten sind; nicht um Geld zu verdienen, sondern um den Menschen menschenwĂźrdige Lebensbedingungen zu bieten, und wenn ein Unternehmen das nicht kann, hat es kein Recht zu existieren. Man kann es eine Theorie nennen, wie man will, ich denke, es ist eine richtige Theorie, dass Unternehmen nicht von den Hungerbedingungen der Arbeiter leben dĂźrfen, von unzumutbar langen Arbeitszeiten, kein Unternehmen darf davon leben.â (zitiert nach cite-ref-n-3-17[3])
VĂślkerbund
Nach dem Ersten Weltkrieg war Johan Castberg einer der Grßnder und der Stellvertretende Vorsitzende der Norwegischen Vereinigung fßr den VÜlkerbund (Den norske forening for Nationernes Liga). Er war Vorsitzender jener Delegation, die 1919 in Paris die norwegischen Einwände gegen den ersten Entwurf des VÜlkerbundvertrags vorbrachte. Im selben Jahr nahm er auch an der ersten International Labour Conference in Washington teil, als Vorsitzender einer achtkÜpfigen norwegischen Delegation.cite-ref-c-9-11[9]
Fazit
Man hørte ham sjelden med lyst, men alltid med noe utbytte.
âMan hĂśrte ihm selten mit VergnĂźgen zu, aber immer mit einem gewissen Nutzen.â
â
Nachruf im
Aftenposten
VerĂśffentlichungen
⢠Om almindelig stemmeret. (Ăber das allgemeine Wahlrecht.) Norges venstreforening, Stavanger 1890 (Digitale Version).
⢠Anden Udgave. Dagbladets Bogtrykkeri, Kristiania 1894 (Digitale Version).
⢠Indberetning om Fabrikinspektør-Institutionen i Schweitz, Tyskland og Ăsterrige. (Bericht Ăźber die Institution der Fabrikinspektoren in der Schweiz, Deutschland und Ăsterreich.) Johannes Bjørnstads Bogtrykkeri, Kristiania 1892 (Digitale Version).
⢠Om begivenhederne i 1905. (Ăber die Ereignisse von 1905.) Feilberg & Landmark (Chr. Dybwad), Kristiania 1906 (Digitale Version).
⢠LovfÌstet mÌgling og voldgift. (Gesetzliche Schlichtung und Schiedsgerichtsbarkeit.) 1911
⢠Innstilling angĂĽende forholdsregler til motarbeidelse av trust- og kartellmisbruk fra den ved kgl. resolusjon av 29. februar 1916 opnevnte trustkommisjon. (Empfehlung der durch kĂśniglichen Erlass vom 29. Februar 1916 eingesetzten Treuhandkommission Ăźber MaĂnahmen zur Bekämpfung von Treuhand- und Kartellmissbrauch.) Justisdepartementet, Kristiania 1921 (Digitale Version).
⢠Dagbøker 1900â1917. (TagebĂźcher 1900â1917.) 2 Bände, posthum. Cappelen, Oslo 1953.
⢠Band 1 1900â1905 (Digibok)
⢠Band 2 1906â1917 (Digibok)
Nachlass
Ein handgeschriebenes Tagebuch 1879â1881, handgeschriebene Briefe, Sammelalben und mehr befinden sich in der Manuskriptsammlung der norwegischen Nationalbibliothek (Sammlung Nr. 381).cite-ref-n-3-20[3]
Literatur
⢠Geir Kjell Andersland: De Castbergske barnelover 1915â2015. Cappelen Damm Akademisk, Oslo 2015, ISBN 978-82-02-48637-2 (Digibok).
⢠Ăyvind Bjørnson: âHvad vil mit kald blive?â Den unge Johan Castberg. in: G. A. Ersland, E. Hovland, S. Dyrvik (Hrsg.): Festskrift til Historisk institutts 40-ĂĽrs jubileum 1997. Bergen 1997.
⢠Leif Castberg: Løst og fast fra gamle Gjøvik. Utdrag av Leif Castbergs nedtegnelser. Gjøvik byhistoriske samlinger, Gjøvik 1990 (Digibok).
⢠Leiv Mjeldheim: Folkerørsla som vart parti. Venstre frĂĽ 1880âĂĽra til 1905. Universitetsforl., Bergen 1984, ISBN 82-00-06908-7 (Digibok).
⢠Tertit Aasland: Fra arbeiderorganisasjon til mellomparti. Det Radikale folkepartis (Arbeiderdemokratenes) forhold til Venstre og sosialistene. Universitetsforlaget, Oslo 1961 (Digibok).
Weblinks
Commons
: Johan Castberg
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
⢠Johan Castberg. in: Historisk befolkningsregister
⢠Castberg, Johan Suche in der Nettbiblioteket (einige der Treffer sind Werke des Vaters Johan (Christian Tandberg) Castberg)
⢠Johan Castberg. bei www.gravsted.dk: Grab am Vestre Gravlund, Oslo, mit Frau Karen, Frede Castberg, Ella Castberg, Sissel Castberg (Das Bild ist nicht gemeinfrei)
Einzelnachweise
cite-note-h5-11. â Folketelling 1920 for 0301 Kristiania kjøpstad in: Historisk befolkningsregister
cite-note-h6-22. â Ministerialbok for Gamle Aker prestegjeld 1919-1931 (0301M3) in: Historisk befolkningsregister
cite-note-n-33. â Ăyvind Bjørnson, Tor Ragnar Weidling: Johan Castberg. in: Store norske leksikon (Digitale Version).
cite-note-x1-44. â Johan Christian Tandberg Castberg. in: Erik Berntsens Slektsider
cite-note-h4-55. â Folketelling 1910 for 0528 Ăstre Toten herred in: Historisk befolkningsregister
cite-note-h3-66. â Ministerialbok for Vang prestegjeld, Vang sokn 1886-1900 (0414Q) in: Historisk befolkningsregister
cite-note-x4-77. â Die 1920 bei dem Ehepaar Castberg in Kristiania, Fritzners gate 19, wohnte (Quelle: Folketelling 1920 for 0301 Kristiania kjøpstad)
cite-note-x2-88. â Johan Castberg. in: Erik Berntsens Slektsider
cite-note-c-99. â VI I I. 4. Johan Castberg. in: A. St. Castberg: Slekten Castberg. Gjennem 300 ar. Det Mallingske Boktrykkeri, Oslo 1938 (Digibok) (OCR-Version).
cite-note-g-1010. â Johan Castberg. bei www.gravsted.dk
cite-note-s-1111. â K. V. H. : Castberg, Johan. in: Chr. Blangstrup (Hrsg.): Salmonsens Konversationsleksikon. Anden Udgave. Band IV: Bridge â Cikader. A/S J. H. Schultz Forlagsboghandel, København 1916. Seite 629 f. (Digitale Version bei Projekt Runeberg).
cite-note-t-1212. â Stortinget og statsraadet. 1814â1914. B. 1 D. 1. Biografier AâK. Steen'ske bogtrykkeri, Kristiania 1914 (Digitale Version) Seite 164 f.
cite-note-w-1313. â Chr. Brinchmann, Anders Daae, K. V. Hammer (Hrsg.): Hvem er hvem? Haandbok over samtidige norske mĂŚnd og kvinder. H. Aschehoug & Co (W. Nygaard), Kristiania 1912, Seite 46 f. (Digitale Version bei Projekt Runeberg).
cite-note-k-1414. â Castberg, Johan. in: Haakon Nyhuus (Hrsg.): Illustreret norsk konversationsleksikon. Band II : Byzantinsk litteratur â Fabliau. AF. H. Aschehoug & Co. (W. Nygaard), Kristiania 1908, Spalte 140 (Digitale Version bei Projekt Runeberg).
cite-note-f-1515. â Castberg. 1) Johan. in: GĂśsta Ă
kerholm (Hrsg.): Nordisk familjebok. Encyklopedi och Konversationslexikom. Fjärde upplagan. Band 4. Bruneau â ColĂłn. FĂśrlagshuset Norden AB, MalmĂś 1951, Spalte 498 f. (Digitale Version bei Projekt Runeberg).
cite-note-x3-1616. â Am 1. Oktober 1916 wurde ein neues Handelsministerium unter dem Namen Ministerium fĂźr Handel und Schifffahrt eingerichtet.
cite-note-o-1717. â Lars Olav Askheim: konsesjonslovene (opphevet). in: Store norske leksikon (Digitale Version).
cite-note-b-1818. â Castberg, Johan Suche in der Nettbiblioteket